Alleine unter Pfadfindern

Im Freundeskreis der Frolleins gibt es immer wieder Schätzchen, die wir Euch gerne vorstellen möchten. So auch Frau Shizzle. Sie hat ein feines Händchen und Gespür für das Thema Handarbeit, das längst wieder ein moderner Trend geworden ist. Dabei mag sie Handgemachtes in jeder Form. Am meisten jedoch haben es ihr traditionelle, textile Handarbeiten wie Stricken, Sticken und Nähen angetan. Ganz den üblichen Vorurteilen zum Trotz, sind ihre Arbeiten nicht unbedingt traditionsbewusst, sondern spielen viel mehr mit Provokation und modernen Elementen. Der Blog von Frau Shizzle beinhaltet ein Sammelsurium aus persönlichen Arbeiten, Erlebnissen und Vorstellungen bunter Fundstücke aus der Wilden-Weiten-Welt der internationalen Craft Szene. Ihr derzeit selbst erklärtes Ziel: Sticken cool zu machen.

So spannend wie sich die moderne Handarbeit heute gestaltet, so spannend sind auch die Menschen die sich damit beschäftigen. Der Wochenendausflug von Frau Shizzle zum Jahrestreffen der Bündische Akademie beschreibt dies besser, als jede soziologische Studie. Lest selbst was Frau Shizzle unter modernen Pfadfindern erlebt hat und uns lebhaft berichtet:

„Mein Osterwochenende habe ich nicht gemütlich mit meiner Familie auf der Terrasse verbracht, sondern ich habe auf hartem Stallboden geschlafen, drei Tage kein richtiges Haus von innen gesehen und das am Ende der Welt, mitten in der Lüneburger Heide. Alles im Namen der Nachhaltigkeit und einer intensiven Beschäftigung mit den Bedingungen, unter der unsere Kleidung produziert wird. Dabei habe ich echten Kerlen das Stricken beigebracht und alle Strophen von Rolf Zuckowskis Klassiker „Nackidei“ auswendig gelernt. Wenn ihr euch fragt, wo ich da gelandet bin: Ich wusste es bis zu dem Moment auch nicht, als ich im wunderschönen Echem aus dem Zug gestiegen bin und mich auf einem Dorfbahnhof wiedergefunden habe, der jedem High Noon Western Konkurrenz machen könnte.

Aber von vorne: Eine ehemalige Klassenkameradin hatte mich eingeladen, an der diesjährigen Bündischen Akademie teilzunehmen. Sie hilft bei der Organisation dieses alljährlichen Treffens, wo ehemalige Pfadfinder zusammenkommen, um sich ein Stück dieser geliebten Jugendaktivität zu bewahren und sich intensiv mit einem gesellschaftlich relevanten Thema zu beschäftigen.  Dieses Jahr drehte sich alles um das Thema Kleidung und so hat sie mich gefragt, ob ich nicht einen Workshop geben möchte. Und ich dachte: Welch bessere Gelegenheit gibt es, sich endlich mal praktisch mit meiner neuesten Spinnerei, dem Guerilla Stricken, zu beschäftigen und es auch direkt mal jemanden beizubringen.

Also Wolle gekauft, Stricknadeln gepackt, meinen Schlafsack in den Tiefen des Kellers gesucht und auf ins Unbekannte. Man muss dazu sagen: Ich war nie Pfadfinderin und habe, soweit ich mich erinnere, noch nie in einer Scheune geschlafen oder bin länger als bei einem Sonntagsspaziergang durch die Wildnis getappert. Erst als ich das Programm gesehen habe, war mir klar, dass ich diese Entscheidung nicht bereuen würde. Es standen unter anderem Vorträge von Michael Braungart (Mitentwickler des Cradle To Cradle Prinzips),  Niko Paech (Umweltökonom) und Holger Knabe (Clean Clothes Kampagne) auf der Tagesordnung.

Schon bei der Ankunft war ich begeistert vom Camp: Die Akademie findet auf einem Bauernhof statt, der komplett von Pfadfindern renoviert und teilweise neu aufgebaut worden ist. Alles aus eigener Kraft und Finanzierung. Ich habe an diesem Wochenende gelernt, dass Pfadfinder nicht nur an ihren Wanderstiefeln mit Stulpen und dem Halstuch zu erkennen sind, sondern sich vor allem durch eine enorme Eigenmotivation und der Lust, etwas zu bewegen, auszeichnen. Es wird nicht gemöppert, sondern lebhaft debattiert und jeder packt an, wenn es etwas zu tun gibt.

Egal, wo man auf dem weitläufigen Gelände hingekommen ist, klimperte eine Gitarre und es wurden Lieder gesungen – geschmackvolle und eher weniger taktvolle, gerne aus vollem Hals und ohne falsche Scham wie zum Beispiel das eingangs erwähnte Rolf Zukowski Kinderlied. Abends bei professionellerer Musik haben die Jungs ebenso ausgelassen getanzt wie die Mädels und sogar zu Volkstänzen (ich gebe zu, da wurd‘s auch mir ein bisschen zuviel) haben sich die Herren der Schöpfung nicht lange bitten lassen. Das zeig mir mal einer in unserem normalen Alltag, wo ständig jeder Angst hat, sich in irgendeiner Form lächerlich zu machen.

Die Vorträge tagsüber waren gut besucht, obwohl bis spät in die Nacht gefeiert wurde, und danach leidenschaftlich diskutiert. Insbesondere die beiden Referate von Herrn Braungart und Herrn Paech haben zu lebhaften Debatten geführt. Die einzelnen Standpunkte genauer zu beleuchten würde einzelne Blogposts erfordern und den Rahmen dieses Beitrags endgültig sprengen, aber hier ganz kurz und knapp: Das Cradle to Cradle Prinzip von Michael Braungart möchte nicht weniger Müll produzieren, sondern gar keinen mehr. Alle Bestandteile im Wirtschaftskreislauf sollen entweder weiterverwendbar oder kompostierbar sein. Dann kann auch in Fülle und ohne Verzicht produziert und konsumiert werden. Nico Peach hingegen vertritt eine Philosophie des Verzichts, der jedoch auch zu mehr Freiheit und weniger Abhängigkeit von Konsumgütern führt. Unsere vorhandenen Konsumgüter müssen recycelt und der Kreislauf des Wegwerfens, sobald ein neuer Trend auftritt, durchbrochen werden. Er sieht eine Gesellschaft, in der handwerkliche Tätigkeiten wieder zum Alltag gehören und sich Änderungsschneider statt die Müllabfuhr um unsere Kleider der letzten Saison kümmert. Massenkonsum ohne Reue versus Haushalten mit den vorhandenen Bordmitteln: Zwei jeweils sehr einleuchtende Standpunkte, die jedoch nicht so einfach vereinbar sind und für viel Gesprächsstoff und Versuche, eine gelungene Mischung zu finden, geführt haben.

Zu meinem Workshop Guerilla-Knitting haben sich zu meiner Überraschung nicht nur Mädels sondern auch Jungs eingefunden, die darüber hinaus auch teilweise noch nie gestrickt haben. Sie haben sich jedoch bewundernswert geschickt angestellt (nicht für Männer, sondern für Strick-Jungfrauen) und haben trotz Fingerkrämpfen und einigen verlorenen Maschen ihre Wollknäule das ganze Wochenende mit sich rumgetragen und permanent geübt. Und so wurde ihr erstes Projekt Teil ein Wagenradbezug, der sich wirklich sehen lassen kann.

Es war ein sehr spannendes Wochenende. Zum einen raus aus der Stadt aufs Land, ohne jeden vermeintlichen Komfort, aber durch die Ruhe und die fehlende Hektik erholsamer und luxuriöser für’s Gemüt als ein Städtetrip ins Nobelhotel. Und zum anderen ungemein inspirierend, durch die Menschen die ich dort getroffen und die Gespräche, die ich geführt habe. Angeregt durch die Vorträge haben wir wirklich viele Dinge aus dem Alltag in Frage gestellt und vor unserem inneren Auge quasi die chinesischen Arbeiterinnen gesehen, die nicht an irgendeiner Hose, sondern an genau der Jeans gearbeitet haben, die wir selbst anhaben. Ich habe mit einem gewissen Stolz die geflickten Stellen an meiner ‘Freizeit und Draußen’-Jeans  betrachtet, die plötzlich eine Wertschätzung dieser Arbeit und der Ressourcen, die darin stecken, verdeutlichen und nicht einfach nur eine knappe Kasse, die verhindert hat, dass ich mir eine neue Hose gekauft habe. Ich fand es toll, Menschen zu treffen, die aus eigenem Antrieb ihr Wochenende mit Vorträgen und Debatten verbringen, ohne das es teil ihre Studiums oder Arbeitsumfeldes ist. Die in ihrem Handeln eine gesellschaftliche Relevanz sehen und sich daher informieren wollen. Und nicht lieber einfach nur konsumieren, obwohl das sicher einfacher und bequemer ist. Ich werde sicherlich keine Pfadfinderin mehr in meinem Leben, aber es war toll, so eine Bewegung kennenzulernen. Ich denke, dass ich viel von diesem Wochenende mit in meinen Alltag genommen habe und das war es wert, einmal den österlichen Familienbrunch ausfallen zu lassen. Dafür geht’s Pfingsten nach Hause und vielleicht finde ich noch ein paar alte Klamotten auf dem elterlichen Dachboden, denen ein bisschen neues Leben eingehaucht werden kann.“

Auch wenn wir etwas neidisch waren bei diesem einzigartigen Erlebnis nicht dabei gewesen zu sein, sind wir um so mehr froh durch diesen wundervoll bildhaften Bericht von Frau Shizzle mit in diese andere Welt abzutauchen. Wir freuen uns über soviel Tatendrang und Macher-Mentalität in einer Generation, die wir die unsere nennen und die Zukunft formt. Und natürlich stehen wir auf Jungs, die stricken. Großartig!

Mit Anderen teilen:
  • Facebook
  • Twitter
  • Mixx
  • PDF
  • Print

6 Kommentare
  1. Andrea sagt:

    Das Cradle to Cradle Prinzip hat leider dazu geführt, dass Konsum ohne Reue “heute” passiert in der Hoffnung morgen endlich brauchbare Recycling Kreisläufe zu haben. Hat man aber nicht. Es ist eine Art “Entschuldigung” dafür, dass wir so leben wie wir es bereits tun weil es soll ja irgendwann wieder in den Kreislauf… Das ist der fade Beigeschmack – allerdings denke ich dass es einer besseren Auseinadersetzung mit dem Thema bedarf als ich das tat ;-) vielleicht kann jemand anders noch was dazu sagen?

    Sonst finde ich sticken toll, stricken doof – das kann ich einfach nicht. Komisch, oder? Ich bin neidisch auf alle die sich selber einen Schal stricken können *seufz* das habe ich nie geschafft.

  2. Guenter sagt:

    Toller Artikel.Ich habe einige tolle Gedankenanstoesse bekommen. Freue mich schon auf neue Posts zum Thema.

  3. [...] Konsum): Ein weiteres Highlight: Niko Paech. Von ihm und seinem Thema hatte ich vorher schon (via definitions-sache) gehört und bin daher umso gespannter ihn nun selber live erleben zu können. Er greift das [...]

  4. Mama Jens sagt:

    Wer Lust hat auch einmal dabei zu sein, der findet unter http://www.buendische-akademie.de fast immer aktuelle Informationen.
    Wir freuen uns immer über offene und tolerante Nichtpfadfinder, da sie auch andere Sichtweisen als die unseren in die Themen einbringen. Und wenn sie uns dann noch sowas Tolles wie Stricken beibringen können… umso besser. Danke für diesen Blogbericht.

  5. Frl. Leni sagt:

    Und das Guerilla Stricken geht weiter! Erst kürzlich in Frankfurt entdeckt von Christoph Harrach und frisch auf KarmaKonsum gebloggt: http://www.karmakonsum.de/2011/08/11/strickguerilla-in-aktion/. Wir freuen uns über soviel Wollle an öffentlichen Orten. :-)

  6. [...] Beiträge könnten Dich auch noch interessieren: Handarbeit, das neue (alte) Genussmittel Karla A – Wolle ist ihre Leidenschaft Allein unter Pf… Mit Anderen [...]

Diesen Artikel kommentieren