Unsere Filmkritik: ob GOOD oder BAD, wir entscheiden selbst.

Vergangenen Donnerstag war es endlich soweit. Die Premiere des Dokumentarfilms „GOOD FOOD BAD FOOD“ kam in die Kunstkinos und ich war exklusiv für uns dabei, um davon hier in unserem Blog zu berichten! Ausgestattet mit Notizbuch und mehreren Stiften wie Karla Kolumna, die rasende Reporterin. Im Kino angekommen, begrüßt mich ein leeres Foyer. Bin ich etwa die Erste? Nein, die Zweite. Liegt es daran, dass dieser Film für einen Donnerstag Abend zu anstrengend ist? Bietet das Privatfernsehen mit seinem „Dschungel Camp“ tatsächlich die spannendere Alternative? Oder bin ich einfach nur ungeduldig? Nachdem ich die Zeit bis zum Einlass mit einer Bionade  überbrücken konnte, öffnen sich die Tore zum Kinosaal. „Der Film im kleinen Saal beginnt gleich.“ Kleiner Saal? Passt denn so ein großes Thema überhaupt auf so eine kleine Leinwand? Und wo sollen denn alle Platz finden auf den nur 72 Sitzen? Kurz vor Start teile ich mit etwa 22 Zuschauern den Saal. Altersdurchschnitt mit Tendenz nach oben. Als das Licht gedimmt wird, lehne ich mich gespannt zurück. Es kann losgehen!Sentimental klassische Musik, kein Sprecher, Nahaufnahmen von Tieren. Soll jetzt schon auf die Tränendrüse gedrückt werden? Nein, geht auch gar nicht. Weil es schöne Bilder sind, natürliche Bilder. Auge in Auge mit Kühen, Schweinen, Ziegen. Auf Augenhöhe mit Lebewesen. Ohne Wertung nehme ich dieses positive Gefühl auf. Kurz danach überrollt mich förmlich eine Flut von Informationen, ideellem Gedankengut und Energien verschiedener Menschen, die nachhaltig landwirtschaften. Die Protagonisten berichten unabhängig voneinander in einer recht deckungsgleichen Ansicht über die geschichtliche Entwicklung der Landwirtschaft. Durch ihre Schilderungen kann ich mir ein Bild malen, von der konventionellen Landwirtschaft wie sie einmal war vor der dem Krieg, vor der Industrialisierung. Ein Vergleich von früher zu heute und die Auslegung der „Grünen Revolution“, lassen vermuten wie und wo bestimmte Probleme entstanden sind. In einem dynamischen Wechsel zwischen den unterschiedlichen Personen und ihren landesspezifischen Geschichten, fließt Thema in Thema ohne dass ein inhaltlicher Bruch entsteht. Im Gegenteil: von den Ursprüngen beginnend, über die elementare Erde bis hin zu den verheerenden Folgen für Umwelt und Mensch, steigern sich die Berichte so schnell, dass ich fast auf einen Knall warte. Oder ist der Knall nicht schon längst ein Dauergeräusch geworden, mit dem wir täglich leben?

Im Laufe des Films beginne ich das Gerüst eines Systems zu verstehen, dass Zustände inszeniert  und Prozesse bestimmt. Wo früher Landwirtschaft noch mit natürlichen Mitteln und selbstbestimmt funktioniert hat, sind jetzt auf einmal chemische Düngemittel, spezielle Großgeräte so wie aufwändige Wässerungssysteme notwenig und der Anbau nur ganz bestimmter Saatgüter erlaubt.  Wieso greift man in ein funktionierendes System ein und nimmt darüber hinaus umweltschädliche und sozialschädigende Folgen in Kauf? Weil sich nur so viel Geld verdienen lässt. Natürlich außerhalb der vier Wände eines Kleinbauerns. Durch die Einführung der industriellen Landwirtschaft (siehe auch “grüne Revolution”) wurde ein eigenes System geschaffen, dass Du neues Angebot und Nachfrage einen Weltmarkt speisen sollte. Dass bei einer solchen Neuerung, die nicht von innen entsteht sondern von außen über einen funktionierenden Mechanismus gestülpt wird, auch Nachteile für eine bestimmte Gruppierung entsteht, hätte meiner Meinung nach absehbar sein müssen. Und leider handelt es sich bei dieser Gruppierung um den Ursprung: die Natur. Es ist ein System, dass sich der Landwirtschaft bereichert in dem es sie unter Kontrolle bringt. Wer bei der Basis, dem Anbau, dem Boden, dem Saatgut anfängt und bestimmt, der hat die Macht. Wer bestimmt welches Saatgut wo angebaut werden darf, bestimmt auch dessen Anbauart. Es ensteht ein neues Warensystem, in dem die Natur gehandelt wird.

Als der Film endet, tritt das geladene Biobauernpaar Hannen vom Lammertzhof nach vorne und steht den Zuschauern für eine Diskussion zu Verfügung. Als der Biobauer Hannen mit seiner dunklen Stimme das Gespräch eröffnet, hören alle gespannt zu. Er selbst sei noch ganz beeindruckt von dem Film und den positiven Berichten der anderen Bauern aus der ganzen Welt. Als Bauer der 5. Generation betreibt er zusammen mit seiner Frau den Lammertzhof seit 20 Jahren mit biologischer Landwirtschaft. Davor war der Hof ein Mischbetrieb mit Tieren, Gemüse- und Feldanbau, der die gesamte Familie ernährt hat. Doch in den 60er Jahren geht auch die Umstellung  auf industrielle Landwirtschaft nicht am Lammertzhof vorbei. Fortan werden nur Weizen, Zuckerrübe und Gerste angebaut. Bis zum Bio-Wechsel. Zertifiziert mit dem Bioland-Siegel wird auf chemische Düngermittel und Pestizide verzichtet, der Boden nur schonend bearbeitet und auf eine natürliche Fruchtfolge geachtet. „Zum Beispiel halten wir Hühner, dessen Stallmist wir als natürlichen Dünger nutzen“, erzählt  Biobauer Hannen, der selber Vegetarier ist.

Aber ganz so einfach ist das nicht immer mit dem Bioverkauf, schildert Frau Hannen aus Erfahrung. Der Konsument ist bestimmte Gemüse- und Obstsorten gewöhnt. Bietet man zum Beispiel eine nicht das gängige Art an, ist der Kunde oft irritiert und folgt lieber seinen Gewohnheiten, so Frau Hannen. Außerdem kann nachhaltige Landwirtschaft auch unbequem für den Verbraucher sein. Beispielsweise reduzierte das Ehepaar Hannen im letzten Jahr ihren Energieverbrauch erheblich, in dem sie Tomatem erst später im Jahr anboten. Dadurch mussten sie nicht, wie im Jahr zuvor, über einen längerem Zeitraum im Gewächshaus gezüchtet und gewärmt werden. Mit dieser nachhaltigen Einstellung könnten sie Gefahr laufen, dass der Kunde die Tomaten konventionell kauft. Ich finde, dass genau da der nachhaltige Gedanke bei uns selbst anfängt.

Im Foyer vertiefe ich das Gespräch mit Biobäuerin Petra Hannen, die noch ganz angetan von dem Film ist. Wir tauschen uns aus über das Leben auf dem Land, dem Interesse von jüngeren Generationen am Thema Bio und den vielen Netzwerken im Web. Was die Bedürfnisse und Interessen angeht sind wir gar nicht so unterschiedlich. Den Wunsch „raus“ zu kommen, aus dem Alltag in die Natur, hat auch Frau Hannen oft, obwohl sie schon in dem „Raus“ lebt, nach dem ich mich oft sehne. Vielleicht schließt sich hier auch der Kreis. Unabhängig davon in welchem Land der Welt wir leben, unser Bedürfnis nach Gesundheit, Natur und Familie wird immer gleich sein, da wir alle gleiche Menschen sind.

Daher sollte allen Menschen auch gleiches Recht zukommen. “GOOD FOOD BAD FOOD” zeigt, dass das leider (noch) nicht der Fall ist. Was ist mein Résumé? Was hat mich im Film stärksten bewegt? Mir ist schon vor dem Film beim Beobachten der Gäste aufgefallen, dass ich neben ein paar wenigen Gästen mit die Jüngste war. Auch in dem Film sprechen ältere Menschen zu uns, die auf einen großen Erfahrungsschatz zurückblicken. Sie teilen mit uns ihr Wissen, den Vergleich zu früher, ihre Ideen. Sie legen uns dieses Gut einfach so in den Schoß. Mit diesem Film, mit dem anschließenden Gespräch, mit Aktionen und Literatur, die sie erarbeiten. Diese ganze Arbeit haben sie geleistet für eine bessere Welt, sie haben uns für die Zukunft etwas aufgebaut. Mir wird bewusst, dass nur wenn wir als junge Menschen dort anknüpfen und dieses Gedankengut weitergeben, es weiter leben wird. Wenn nicht, wird es vergessen. Und so lange man denkt, kann man nicht vergessen.

Und wie hat Euch der Film gefallen? Hintergrundinfos zum Film und Termine zu Vorstellungen findet ihr hier.

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